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Die zwei Seiten deiner eigenen Grenzen

In einer Pfütze auf Kopfsteinpflaster spiegelt sich ein Zaun als Bild meiner inneren Grenzen.
Lesezeit: 5 Minuten

Die zwei Effekte des Stopps

Stopp! Hier ist eine Grenze erreicht. Keinen Schritt weiter!

Wie oft hast du so etwas schon gesagt? Mich nach außen klar aufzustellen und abzugrenzen, hat einen doppelten Effekt. Zum einen bekommt mein Gegenüber eine klare Botschaft von mir. Bis hier hin und nicht weiter. Und zum anderen gebe ich mir selber eine ebenso wichtige Botschaft. Du brauchst dir nicht alles gefallen zu lassen. Deine Gefühle zählen und sind wichtig. Du bist wichtig!

Der Moment

Wenn ich ehrlich bin, habe ich dies bisher sehr selten oder womöglich noch nie so klar ausgesprochen. Es gibt Momente, in denen das Stopp einer anderen Person gegenüber im Inneren da war. Jedoch bin ich aus dem Kontakt gegangen, statt es zu klären. Es gibt auch Situationen, in denen ich das Stopp gespürt habe, aber nicht den Mut hatte für mich aufzustehen. Nicht für mich einzustehen war lange der größere Schmerz, als die Situation selber.

Mein schlechtes Gewissen

So wie ich anderen erlaubt habe, über meine Grenzen zu gehen, lasse ich es auch bei mir selber immer wieder zu. Mein innerer Anspruch, stets leisten und funktionieren zu müssen, ist sehr hoch. Das “stell dich nicht so an” meiner Kindheit wirkt auch heute noch. Um meinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, gehe ich über meine Grenzen. Mein schlechtes Gewissen, nicht genug zu leisten, ist manchmal stärker, als die Selbstfürsorge.

Wichtig

Dabei ist es so wichtig, zu mir selber gut zu sein. Möchte ich mit einer Person befreundet sein, die so mit mir umgeht, wie ich manchmal mit mir umgehe? Dieser Wechsel des Blickwinkels letzte Woche war hart und heilsam zugleich.

Ich darf gütig mit mir sein. Ich darf liebevoll zu mir sein. Denn wenn ich nicht gut auf mich achte, kann ich niemanden dafür verantwortlich machen. Auch wenn Anforderungen aus dem Außen auf mich einzuwirken scheinen, ist es stets mein Umgang damit. Hebe ich die Hand und sage “Stopp” oder kommt das “stell dich nicht so an” durch?

Verantwortung übernehmen

Die Verantwortung für meine Selbstfürsorge liegt bei mir. Auch wenn ich immer wieder gegen den Druck von Außen kämpfe, ist es am Ende doch wieder nur eine Begegnung mit mir selber: mit meinem Druck und meinen Ansprüchen. Dies zu erkennen, hilft mir die Verantwortung dafür zu übernehmen. Wenn ich es bin, die meine Grenzen nicht respektiert, kann ich auch selber etwas dagegen tun.

Im Kontakt mit mir selber kann ich mit meinem inneren Antreiber in Kontakt gehen und die Ansprüche von außen von denen aus meinem inneren trennen. Zu erkennen, dass der Großteil – oder sogar aller – Druck vom eigenen Anspruch kommt, ist wie einen alten Bekannten zu treffen, den man damals schon nicht gut leiden konnte. Und nicht jeden Gast, der da ist, muss ich bitten länger zu bleiben. Ich kann den selbst gemachten Druck zur Tür begleiten und die Selbstfürsorge hereinbitten.

Die andere Seite der Medaille

Wie so oft im Leben ist dies jedoch nur die eine Seite der Medaille. Ich möchte nichts von dem, was oben steht, relativieren oder zurücknehmen. Nur gilt gleichzeitig eine weitere Wahrheit: Wenn ich meine Grenzen stets respektiere, einhalte und wahre, begrenze ich mich selber. Das scheint ein Widerspruch zu sein. Geht es denn nicht darum, dass ich gütig und weich mit mir bin? Ja. Einerseits. Andererseits ist es nötig, die eigenen Grenzen zu sprengen. Denn ich setze mir mit meinen Gedanken darüber, was ich kann und schaffe, Grenzen.

Grenzen überwinden

Wachstum und Entwicklung sind nur möglich, wenn ich über Grenzen hinaus gehe. An kleinen Kindern wird es sehr deutlich. Ein Kind, das krabbeln kann, hat schon einen ordentlichen Bewegungsradius. Es kann aus freiem Willen an andere Orte gelangen, kann seine Neugier und seinem Drang danach, entdecken zu wollen, ausleben. Dennoch gibt es Grenzen. Das Spielzeug auf dem Couchtisch kann es nicht erreichen. Auch draußen auf einem Schotterweg ist krabbeln schwierig, um zum Ziel zu kommen. Das kleine Kind hat so einen starken Drang, sich zu entwickeln und zu wachsen, dass es sich von alleine immer wieder auf die Beine stellt. Es wird üben und jeden noch so schweren Rückschlag in Kauf nehmen, weil es die Grenze des Krabbelns überwinden will. Es will laufen und die Welt noch ganz anders und umfassender entdecken.

Vergiss nicht, zu wachsen

Dieser Drang zu lernen und uns zu entwickeln scheint schwächer zu werden, wenn wir erwachsen sind, aber er verschwindet nie. Manche Menschen vergessen jedoch, dass dieser Drang nach Wachstum ein essenzieller Teil des Lebens ist. In der Komfortzone achten sie sorgsam darauf, ihre Grenzen ja nicht zu überschreiten. Als Antwort auf die Herausforderungen des Lebens wird Sauna und Schaumbad probiert. Setze für dich hier gerne das ein, was du dir Gutes tust, wenn du eine Auszeit brauchst. Es mag die Lieblingsserie auf Netflix, ein gutes Buch oder die Entspannung bei einem Computerspiel oder in sozialen Medien sein. Das alles darf sein. Verstehe mich bitte nicht falsch. Jedoch ist das der Weg des Stillstands und nicht des Wachstums.

Geduld und Beharrlichkeit

Entwicklung und Wachstum braucht immer wieder den Moment, in dem eine Grenze gesprengt wird. Und bevor die Grenze sich auflöst, gehört dazu oft Geduld, Beharrlichkeit und die Fähigkeit, sich selber immer wieder zu motivieren. Nur wenn du wie das kleine Kind, das laufen lernen möchte, immer wieder aufstehst und nicht aufgibst, wirst du den nächsten Wachstumsschritt machen.

Alte Muster sind Grenzen

Was meine ich damit konkret? Bei mir ist es momentan ein altes Denk- und Verhaltensmuster, das sich zeigt, wenn ich mich überfordert fühle. Ich habe beruflich eine Aufgabe vor mir, die ich noch nicht kann. Mir fehlt Wissen und mir fehlen Fertigkeiten. Wie gelähmt habe ich immer wieder auf diese Grenze geschaut, die sich wie ein riesiger Berg vor mir auftürmte. Meine Angst zu versagen, hat mit meinen eigenen Erwartungen, es perfekt können zu müssen, Tango getanzt. Das Ergebnis war: Ich bin erstarrt. Ich konnte den Berg nicht angehen. Statt loszugehen und einfach die ersten Schritte zu machen, habe ich immer wieder in meinen Rucksack geschaut und war verzweifelt, dass mir Eispickel und Sturmhaube fehlen, um diesen immensen Berg zu bezwingen.

Die Zeit hilft

Bei beruflichen Situationen ist es oft so, dass es einen “unterstützenden Faktor” gibt. Dieser ist bei mir oft die Zeit. Mir ist die Zeit davon gelaufen. Ich wusste, wenn ich nicht bald in die Hufe komme, wird es richtig schlimm. Also bin ich mit nur halb gepacktem Rucksack losgelaufen. Ich habe einfach die erste Wegstrecke in Angriff genommen. Und ich habe sie geschafft. Das erstaunliche dabei war, dass ich glücklich war. Endlich ging es los und endlich hatte ich einen Erfolg, denn die erste Etappe war geschafft. Das war mein Erfolg. Mit der Freude, das geschafft zu haben, konnte ich das nächste Wegstück angehen. Und unterwegs geschah das, was unterwegs – und nur unterwegs – geschieht: Ich bin gewachsen. Ich habe gelernt. Und das, was zuvor unbezwingbar schien, wurde möglich.

Als ganzer Mensch

Wachstum und Entwicklung sind immer auch emotionales Wachstum. Egal ob ich mich einer beruflichen oder privaten Herausforderung stelle, bin ich stets als ganzer Mensch gefordert. Wenn ich vor einer Grenze stehe und meinen Mut zusammennehme, mich dieser Grenze zu stellen, wird Wachstum möglich. Das können Herausforderungen in der Familie sein, in denen ich z. B. mit meiner Rolle als Jüngste konfrontiert bin. Auch hier treffe ich auf von mir selber gesteckte Grenzen. Mich diesen zu stellen und auf eine Veränderung hinzuwirken, lässt mich wachsen. Dir fallen sicher auch verschiedene Situationen in deinem Leben ein, in denen du vermeintliche Grenzen überwunden hast und Wachstum und Entwicklung erlebt hast.

Deine Grenzen brauchen beides

Du brauchst also beides: Es ist wichtig, dass du deine Grenzen kennst, sie verteidigst und gut für dich sorgst. Und gleichzeitig brauchst du die Herausforderung. Wenn du aufhörst zu wachsen, wird dein Leben immer kleiner und enger. Nur wenn du dir Wachstum zutraust und auf deine Grenzen zugehst, wird die Entwicklung geschehen, die dich zu einem erfüllten Leben führt.

Was begrenzt dich momentan? Wo stehst du vor einem Berg, der im Moment noch unbezwingbar wirkt?

Was nötig ist

Mache dir bewusst: Kein Berg ist oben so, wie er von unten aussieht. Und kein Berg muss an einem Tag bezwungen werden. Was zählt, ist immer nur die nächste Etappe. Was es zu tun gilt, ist immer nur der nächste Schritt. Löse deinen Blick immer wieder vom großen Bild und schaue auf das, was als Nächstes dran ist. Und höre wieder auf deinen inneren Drang, zu wachsen und dich zu entwickeln.

Dich deinen selbst gesetzten Grenzen zu stellen, lässt dich deine Lebendigkeit spüren. Leben ist Bewegung. Nur in Bewegung spürst du das Leben. Wage den nächsten Schritt. Wage es, deine Grenzen zu überspringen.

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Reflexion, Ziegelstein-Straße, Regen © despoticlick (pixabay CC-0)

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