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Die Facetten der Realität

In einer Hauswand mit blauen Klinkern sind viele Fenster, hinter jedem eine eigene Realität.
Lesezeit: 3 Minuten

Schlagzeilen

Letzte Woche wurde das Capitol in Washington gestürmt. Das hat mir eine sehr kurze Nacht beschert. Was dies mit der Demokratie in den USA und anderen Ländern gemacht hat, kann und will ich nicht mutmaßen. Warum schreibe ich über ein politisches Geschehen? Was hat das mit Meditation oder einem inneren Weg der Persönlichkeitsentwicklung zu tun? Eine Menge. Denn ich kann über meine Empörung und Bewertungen etwas über mich lernen. Und jede Erkenntnis kann ein Ansatzpunkt für Veränderung sein.

Die Realität!

Besonders eingeprägt hat sich mir ein Video einer Frau, die völlig aufgelöst war, weil Sie von der Polizei abgedrängt angegriffen wurde. Sie wollte ins Capitol eindringen und die Polizei hat sie anscheinend davon abhalten wollen. Diese Frau war konsterniert und schockiert, dass sie von der Polizei so behandelt wurde. Auf die Frage, warum sie in das Capitol wollte, rief sie “it’s revolution”.

Im ersten Moment habe ich über dieses Video geschmunzelt. Was hat sie erwartet, wenn sie gemeinsam mit bewaffneten Menschen in ein Regierungsgebäude eindringt? Wie kann jemand so den Kontakt zur Realität verlieren?

Welche Realität?

Und damit bin ich in eine Falle getappt. Ich habe angenommen, alle Menschen erleben die Realität gleich. Aber das ist nicht so. In sehr vielen Bereichen gibt es einen Konsens in der Gesellschaft, z. B. darüber, dass es strafbar ist, gemeinsam mit Bewaffneten ein Regierungsgebäude zu erstürmen. Dennoch erlebt jeder Mensch die Realität anders. Das, was ich erlebe, sehe, höre und lese, nehme ich durch meine Brille auf. Ich schaue darauf mit meinen Erfahrungen, meinem Wertesystem und Erwartungen. Niemand hat genau diese Brille auf, nur ich nehme die Realität so wahr. Dazu kommt, dass Medien sich stark auf ihre Klientel einstellen. Nachrichten werden so aufbereitet, dass sie für das Weltbild der Zielgruppe geeignet sind.

Als mir das bewusst wurde, habe ich über das Video nicht mehr gelächelt. Ich war tief erschreckt. Zum einen, dass die Brille eines Menschen so einen Filter haben kann, der zu dieser Tat und ihren Konsequenzen geführt hat. Zum anderen, dass ich für den Moment vergessen hatte, dass auch ich die Welt durch einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Filter wahrnehme.

  • Wie offen bin ich für andere Sichtweisen?
  • Wie divers sind die Nachrichten und Informationen, die ich konsumiere?
  • Inwieweit gestehe ich anderen zu, dass sie die Realität anders wahrnehmen?

Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, das fest im Grundgesetz verankert ist. Viele verwechseln momentan jedoch, dass die Freiheit seine Meinung zu äußern, nicht das Gleiche ist wie, dass es zu einer Meinung keinen Widerspruch geben darf. Ich vermute, die Frau, die das Capitol stürmen wollte, hat keinen Widerspruch in dieser Art erwartet. Und ich bin überzeugt, dass es Meinungen gibt, die nicht unwidersprochen stehen bleiben dürfen.

Jeden Tag relevant

So abstrakt diese Gedanken in Richtung der politischen Bühne vielleicht bleiben, so relevant bleiben sie für mich jeden Tag im Alltag. Immer wieder passiert es mir, dass ich etwas als klare Absprache ansehe, um dann zu merken, es gab kein einheitliches Verständnis darüber. Mir kommt oft der Satz aus einem Seminar in der Kopf “Kommunikation ist das, was ankommt”. Viele Konflikte könnte ich vermeiden, wenn mir das im Alltag öfter einfallen würde. Nur, weil ich etwas gesagt habe, heißt es nicht, dass es gehört, verstanden und identisch interpretiert wird.

Egal, ob sich ein Konflikt bzw. ein Missverständnis entwickelt oder ob ich gar nicht merke, dass es keinen Konsens gibt. Das erneute Wahrnehmen, dass auch ich die Welt immer nur mit meinen Augen sehe, hilft mir meinen Kopf wieder zu öffnen. Ich bin dieser Frau nicht überlegen. Ich bin ihr eher dankbar, dass ich mich selber kritisch hinterfragt habe. Ihre Sichtweise kann ich nicht nachvollziehen und halte sie für falsch. Dass sie Grenzen aufgezeigt bekommen hat, finde ich richtig und wichtig. Dennoch kann ich akzeptieren, dass es aus ihrer Sicht empörenswert ist, bei einer Straftat in Konflikt mit der Polizei zu kommen.

Respekt vor unterschiedlicher Realität

Mich selber immer wieder zu hinterfragen und meine Gedanken und mein Verhalten zu reflektieren, sind sehr wichtige Qualitäten und Fähigkeiten. Ich habe nicht das Recht auf die einzig korrekte Wahrnehmung der Realität gepachtet. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Wenn ich diese Qualität in meinem Leben lebendig halte, gelingt es mir, Menschen respektvoll zu begegnen. Mein Respekt bezieht sich nicht auf ihre Meinung, denn dieser kann ich vielleicht vehement widersprechen. Sondern mein Respekt gilt ihnen als Mensch. Und das ist es, was Menschsein ausmacht.

Ich wünsche mir, …

… dass gegenseitiger Respekt wieder wichtiger wird,
… dass wir wieder mehr zuhören, statt möglichst schnell zu antworten, und
… dass Selbstreflexion Hand in Hand mit Zivilcourage geht, gegen Meinungen des Hasses und der Hetze aufzustehen.

Und ich weiß, dass ich nur bei mir selber anfangen kann. Fängst du auch bei dir selber an?

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Architektur, Gebäude, Fenster © pixelanarchy (pixabay CC-0)

3 Comments

  1. Beatrix Schleimer

    Mit diesem Thema hast du bei mir eine empfindliche Stelle meines Herzens getroffen ein Thema was mich sehr beschäftigt. Seit einem Jahr habe ich daran zu knacken, daß es durch verschiedene Sichtweisen zu einem Bruch mit einem Menschen gegeben hat, der Dinge anders gesehen hat wie ich, mir aber keine Chance gegeben hat, was dazu zu sagen. Sie hat mich nicht mehr angehört, also will sie den Kontakt nicht mehr. Aussage: Dann ist es eben so oder: ich will nicht mit dir reden, dann streiten wir!! Ich will nicht streiten!! Sagt sie. Also will sie nicht drüber reden. Ich habe ihr alles Gute für IHREN WEG gewünscht und nichts kommt. Ich habe ihr gesagt, daß ich das akzeptiere trotzdem begreife ich sowas nicht! Ich leide darunter, obwohl ich weiß daß ich alles richtig gemacht habe! Sehe ich das richtig?

  2. Beatrix Schleimer

    Mit diesem Thema hast du bei mir eine empfindliche Stelle meines Herzens getroffen, ein Thema, das mich sehr beschäftigt. Seit einem Jahr habe ich daran zu knacken, daß durch verschiedene Sichtweisen ein Bruch zu vertrauten Menschen gekommen ist. Ich habe keine Chance bekommen, was zum Thema zu geben. Sie hat mich nicht mehr angehört, also will sie den Kontakt nicht mehr! Aussage: Dann ist es eben so! Oder: Ich will nicht mit dir drüber reden, dann streiten wir!! Ich will nicht streiten sie möchte nicht von ihrer Position weichen. Also war es das! In einem Brief habe ich ihr alles Gute für IHREN WEG gewünscht und danach kam nichts! In dem Brief habe ich noch gesagt, daß ich ihre Richtung akzeptieren werde, trotzdem macht der Kopf nicht mit. Wir beide waren schon immer Kopf- und der andere Bauchmensch. Ich leide immer noch sehr und hoffe, daß ich es schaffe auch meinen Weg zu gehen, der sich eigentlich richtig anfühlt und den ich so gegangen bin. Sehe ich das richtig oder hat mich diese Verletzung, die ich als eine empfinde gefühllos gemacht? Kannst du mir deinen Rat geben? LG Beatrix

    • Anne Poger

      Liebe Beatrix, ich freue mich, dass mein Artikel dich berührt hat. Im Leben werden uns immer wieder Verletzungen widerfahren. Für mich hört sich das so an, dass du sehr gut auf deine innere Stimme gehört hast. Du warst klar, was für dich stimmig ist und hast die Hand für weiteren Kontakt ausgestreckt. Die Hand nehmen kann jedoch nur dein Gegenüber. Für mich ist das auch ein schwieriges Thema, da ich stets Harmonie suche und Konflikte oder Diskussionen mit stark abweichende Meinungen möglichst vermeide. Das fühlt sich zwischendurch immer wieder auch nicht ehrlich mir selber gegenüber an. Daher hat mir der Text in meinen Fingern gebrannt. Für mich fühlt es sich so an, dass du dir die Antwort selber schon gegeben hast. Du gehst deinen Weg und es fühlt sich richtig für dich an. Dass der Verlust des Kontaktes mit diesem Menschen noch schmerzt, zeigt für mich das Gegenteil: Du bist nicht gefühllos. Du spürst, was fehlt, bleibst dir selber aber treu. Ob es sich für dich bei einer Reflexion deiner Sicht und deiner Gefühle so anfühlt, wie ich es über den Text wahrnehme, kannst nur du sagen. Ich freue mich, dass du das hier geteilt hast. Danke, dass du meine Texte mit offenem Herzen liest und dich berühren lässt. Das bedeutet mir sehr viel. Ganz liebe Grüße Anne

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