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Durchschaust du dich selber?

Auf sanften Wellen eines Sees spiegelt sich das Abendlicht - so wie unsere Gedanken nicht leicht zu durchschauen sind.
Lesezeit: 3 Minuten

Gedanken und Gefühle

Fällt es dir leicht, dich und die Muster deines Egos zu durchschauen? Ich finde es oft nicht einfach, zu durchschauen, was hinter meinen Gefühlen steht. Anders als ich es früher dachte, kommen Gefühle nicht immer aus dem Herzen. Sehr oft entstehen Gefühle durch Gedanken. Indem ich denke, beeinflusse ich – bewusst oder unbewusst – meine Gefühlswelt. Und viel zu oft erzählt mein Kopf mir eine Geschichte. Und durch diese Geschichte werden Gefühle in mir ausgelöst.

Wie ehrlich bin ich mir selber gegenüber?

Viel zu oft suche ich die Ursache für Gefühle noch im Außen. Ich ärgere mich über etwas oder jemanden und rechne meine innere und äußere Reaktion diesem Trigger von Außen zu. Dabei lasse ich außer Acht, dass nur ich selber für meine Gedanken und Gefühle verantwortlich bin. Denn ich habe stets die Wahl, wie ich mit einem Reiz aus meiner Umwelt umgehe. Auch wenn mir das im Impuls meiner Reaktion im ersten Moment nicht hilft, ist es für meine Reflexion eine wichtige Erkenntnis.

Die richtige Frage stellen

Wenn ich mich selber durchschauen möchte, ist es also nötig, dass ich hinter meine Gefühle schaue. Was ist der wahre Treiber meiner Gedanken und damit meiner Gefühle und meines Verhaltens? Mich selber zu durchschauen ist nicht einfach. Mein Kopf baut die Gedanken so, dass es nicht leicht ist, dahinterzukommen.

Für mich ist die folgende die Frage sehr hilfreich: Welches Bedürfnis ist gerade nicht erfüllt? Was fehlt mir gerade?

Was mir gerade fehlt

Warum schreibe ich darüber? Die zum Teil sehr unterschiedliche und kontroverse Sicht auf die aktuelle Situation belastet mich momentan sehr. Menschen, die ich mag und schätze, haben eine ganz andere Wahrnehmung, andere Gedanken, andere Gefühle und verhalten sich völlig anders als ich. Das verstehe ich nicht. Etwas in mir wehrt sich dagegen. Ich fühle mich weggestoßen und durch ihre Statements in sozialen Medien unverstanden, von manchen Aussagen sogar beleidigt.

Lange konnte ich das nicht einordnen, warum mich das so berührt und aufwühlt. Nun bin ich dem, was mich bewegt, näher gekommen: Ich fühle mich nicht mehr dazugehörig. Denn ich habe eine andere Sicht.

Über den Tellerrand

Gleichzeitig empfinde ich andere Sichtweisen als Bereicherung. Sie helfen mir, über den Tellerrand zu schauen und meinen Blickwinkel zu erweitern. Jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen, seine Prägung und damit auch seine eigene Wahrnehmung dessen, was um ihn herum geschieht. Zwischen zwei Menschen gibt es kein richtig und falsch, über das man sich streiten könnte.

„Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort und da treffen wir uns.“
Rumi

Geminderte Wucht

Mit der Erkenntnis, dass mir das Gefühl der Zugehörigkeit momentan fehlt, habe ich mehr Klarheit bekommen. Mit der Klarheit kam die Akzeptanz des Gefühls. Und mit der Akzeptanz löste sich die Schwere aus der Situation. Auch wenn das Gefühl des Nicht-Verstanden-Seins und der Trennung regelmäßig wiederkommt, hat es nicht mehr die Wucht wie zu Beginn.

Entscheidung in der Kindheit

Dazuzugehören ist eines der Grundbedürfnisse. Individuell ist dieses Gefühl unterschiedlich stark ausgeprägt. Selbst Menschen, die innerlich eher in der Rebellion gegen das Außen sind, suchen Zugehörigkeit bei anderen Menschen, die auch die Anpassung meiden. Ob wir rebellieren oder uns anpassen ist eine Entscheidung, die wir in der Kindheit getroffen haben. Reflektieren wir dies nicht, sind als Erwachsener beide Reaktionen nicht freiwillig. Wir verhalten uns so, wie es in der Kindheit nötig war, um uns zu beschützen. Unreflektiert bleibt die Grundentscheidung bestehen und ist keine freiwillige Wahl, auch wenn es uns in dem Moment so vorkommt. Wenn du dich gegen diesen Gedanken jetzt gerade innerlich wehrst, ist deine Grundausrichtung wahrscheinlich die Rebellion.

Wunsch nach Klarheit

Je mehr mich ein Gefühl belastet, desto stärker ist mein Wunsch, das Gefühl zu durchleben. Meine Gefühle sind Teil von mir. Sie zu unterdrücken, führt nicht dazu, dass das Gefühl verschwindet. Ich verdränge es nur. Wiederholt der Kopf nun immer wieder die Geschichte und hält das Gefühl aktiv, hilft mir das Erleben des Gefühls nicht. Dann ist es nötig, das Gefühl zu durchschauen. Wenn ich erkenne, was dahinter steht, kann ich das tiefer liegende Bedürfnis spüren. Bedürfnisse sind nichts anderes, als das, was gerade lebendig in mir ist.

Innehalten

Mich selber zu durchschauen, heißt für mich, immer wieder innezuhalten und hinzuspüren:

… was berührt mich?
… was verbirgt sich hinter meiner Wut, meiner Traurigkeit, meiner Aufregung?
… was fehlt mir gerade?

Was dahinter liegt

Und es heißt für mich auch, meinem Kopf nicht alles zu glauben, nicht bei dem Vordergründigen zu bleiben. Die Antwort, auf die Frage „was liegt dahinter?“, bringt mich näher zu mir selber. Ich komme in Verbindung mit meinem inneren Wesen und kann für einen Moment all die Schalen und Muster durchschauen.

Es heißt für mich auch, gütig und liebevoll mit mir selber zu sein. Es ist okay, wütend zu sein, es ist okay, anderer Meinung zu sein, es ist okay, so wie es jetzt ist.

Und jetzt du

Welches Gefühl lässt dich im Moment nicht los? Kommt es vielleicht auch mehr aus deinen Gedanken als aus dem Herzen?

Und wenn du magst, dann frage dich: Was steht dahinter? Welches Bedürfnis ist gerade nicht erfüllt? Was fehlt dir gerade?

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: See, Wasser, Wellen © pixel2013 (pixabay CC-0)

3 Comments

    • Anne Poger

      Liebe Beatrix, danke für deine Rückmeldung. Ich wünsche dir viel Kraft und Mut, dem Thema zu begegnen. Und Wärme und Güte dir selber gegenüber.

  1. Pingback:Deine Gedanken - du hast es in deiner Hand - Mut zur Stille

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