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In der Hilflosigkeit erstarrt

Ein Mann geht im dichten Nebel durch einen Weinberg, der Nebel ist ein Symbol für die Hilflosigkeit.
Lesezeit: 4 Minuten

Ins Lot bringen

In meinen früheren Jobs wurde ich stets dafür gelobt, dass ich sehr ziel- und lösungsorientiert bin. Es galt Probleme, die z. B. während Projekten entstanden sind, zu entdecken und Lösungsansätze zu entwickeln, damit gemeinsam die Probleme gelöst werden können. Oft war es so, wie das Sprichwort: Problem erkannt, Problem gebannt. Wenn wir erst wussten, wo das Problem liegt oder was das Problem verursacht, konnten wir genau dort ansetzen, um alles wieder ins Lot zu bringen. Wenn ich Hilflosigkeit bei Problemen im Job-Umfeld spüre, kann ich dem begegnen, indem ich ins Tun komme.

Verständnis entwickeln

Im Privaten klappt dieses Vorgehen meistens auch recht gut. Hier ist es schwieriger, zu entdecken, wo der Ursprung des Problems liegt. Wenn mich negative Gedanken herunterziehen, dauert es eine Zeit, bis ich verstehe, was dahinter liegt. Das können alte Glaubenssätze sein oder nicht erfüllte Bedürfnisse, die mir nicht bewusst sind und die ich daher nicht formulieren kann. Wenn ich erkenne, was gerade fehlt oder woher der Schmerz kommt, erlebe ich oft, dass sich die Situation verändert.

Selbst wenn ich die Situation nicht verändern kann, den Glaubenssatz nicht abschütteln kann, verändert sich etwas, weil ich eine Erkenntnis habe und der Situation nicht mehr hilflos ausgeliefert bin. Ist mir das zugrundeliegende Bedürfnis bewusst, kann ich darüber sprechen, was mir fehlt. Manchmal kann ich mir selber helfen, das Bedürfnis zu befriedigen. Zumindest ist der Schmerz nicht mehr so groß, weil ich mehr Verständnis für mich selber habe.

Was kann ich tun?

Und doch gibt es Situationen, da hilft alles dahinter schauen nichts. Verständnis für meine Reaktion, meine Trauer oder meinen Schmerz lindert es etwas, aber die Situation bleibt, die die Schwere auslöst. Und mit ihr bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit. Mal ist sie stärker und mal geht es besser. Nichts tun zu können, ist für mich sehr schwer. Ich möchte immer die Situation verbessern oder – noch besser – das Problem lösen.

Mein erster Impuls ist daher oft: Was kann ich tun? Es muss doch etwas geben, was ich machen kann, um die Situation zu verändern. Wenn ich dann feststelle, dass ich nichts oder nur sehr wenig machen kann, weil das Problem nicht lösbar ist, schwappt diese Hilflosigkeit über mich und ich habe das Gefühl in ihr zu erstarren.

Ein weiser Rat

Ich habe einmal einen sehr weisen Rat von einer Freundin bekommen. In einer Zeit, in der innerlich viele Veränderungen geschehen sind, hatte ich Ohrgeräusche. Es war kein klassischer Tinnitus, eher ein Rauschen oder dumpfes Dröhnen. Ich habe ihr davon berichtet und aufgezählt, was ich alles dagegen mache: Meditation, Glückstagebuch, Mantren Singen, Yoga. Aber nichts half. Auf meine Frage, was ich machen könne, sagte sie sehr klar: “Nicht machen, sondern lassen”. Ich habe nicht verstanden, was sie meinte. Denn bisher war ich darauf gepolt, auftretende Probleme anzugehen, indem ich ins Tun komme und verschiedene Maßnahmen versuche, um sie zu lösen.

Lassen

Was meinte sie mit “lassen”? Ich hatte keine Idee, wie “lassen” mir helfen sollte, mein Problem zu lösen.

Loslassen

Ein wichtiges “lassen” ist das Loslassen. Das ist immer wieder eine große Herausforderung für mich. In dem Fall war es das Loslassen meines Versuchs, alles zu kontrollieren. Es galt meinen Glaubenssatz loszulassen: wenn ich mich nur genug anstrenge, werde ich das Problem lösen. Vielleicht lag die Ursache für die Ohrgeräusche darin, dass ich auch die Lebensveränderung möglichst perfekt machen wollte. Statt dem Stress und der Unzufriedenheit mit Schaumbad, Sauna und Serienmarathon zu begegnen, hatte ich diese “Maßnahmen” gegen Yoga, Singen und Meditation eingetauscht. Jedoch war ich nicht aus dem Zug ausgestiegen, dass ich mich nur wirklich anstrengen muss, um alles in den Griff zu bekommen.

Der Weg ist loszulassen, was ich kontrollieren will, was vermeintlich nur so und nicht anders sein kann, und loslassen, dass ich sofort für alles eine Lösung haben muss.

Zulassen

Das zweite große “lassen” ist das Zulassen. Auch hier stolpere ich immer wieder in Löcher, weil ich nicht zulassen möchte, dass Dinge geschehen, die ich nicht habe kommen sehen. Am liebsten möchte ich immer alles selber regeln, denn ich bin stark und kann das alles ganz alleine. Da klingt selbst in meinen Augen das kleine Mädchen in mir durch, das bockig allen beweisen möchte, dass es keine Hilfe braucht. Hilfe zuzulassen fällt mir immer noch schwer. Oft merke ich einfach erst recht spät, dass ich andere Menschen um Hilfe bitten könnte.

Manchmal ist auch zulassen der vermeintlich dunklen Gefühle ein wichtiger Schritt zurück ins Helle. Wenn ich aufhöre dagegen zu kämpfen, kann der Prozess der Akzeptanz in Gang kommen. Und durch das Zulassen kann das, was vorher feststeckte, ins Fließen kommen, so dass Veränderung wieder möglich wird.

Es hat etwas gedauert, aber ich habe verstanden, was meine Freundin mit ihrer Antwort “nicht machen, lassen!” meinte.

Akzeptanz der Hilflosigkeit

Und das ist auch momentan mein Weg in meiner Hilflosigkeit. In Wellen schwappt die Starre der Hilflosigkeit über mich. Ich fühle mich gefangen in meiner Unfähigkeit etwas zu tun. Zu akzeptieren, dass es nicht meine Unfähigkeit ist, die verhindert, dass die Situation sich ändern, ist nicht einfach. Immer wieder springt mein Muster an, dass ich für alles eine Lösung finden muss. Doch dafür gibt es keine Lösung. Diese Situation kann ich nur akzeptieren.

In einem Roman habe ich neulich über das Gelassenheitsgebet der Anonymen Alkoholiker gelesen:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Gelassenheit ist für mich nicht unbedingt erstrebenswert. An Gelassenheit perlt alles ab, es ist eine Art Distanz zum Leben, die ich nicht möchte. Ich möchte vom Leben berührt werden, ich möchte lieben und lachen, weinen und wütend werden. Die Lebendigkeit von tiefen Gefühlen ist Teil des Lebens. Statt Gelassenheit passt für mich das Wort Akzeptanz aber ebenso gut in diesen Text, der mich in seiner Klarheit und auch Leichtigkeit immer wieder berührt.

Ich darf hilflos sein

Ich habe schon oft darüber geschrieben, wie wichtig es ist, immer wieder Ja zum Leben zu sagen. Und dazu gehört eben auch, ja zu meiner Hilflosigkeit zu sagen. Ja, ich kann gerade an der Situation nichts ändern. Und: Ja, es tut weh, dass ich nichts machen kann. Es gilt jetzt zuzulassen, statt zu machen. Denn wenn ich die Hilflosigkeit zulasse, erlebe ich mich erneut auf eine andere Art und Weise. Ich muss nicht immer die starke Frau sein, die für vieles eine Lösung hat. Ich darf auch die hilflose Tochter sein, die traurig darüber ist, dass es jetzt so ist, wie es ist.

Was gibt dir Kraft?

Wie gehst du mit Situationen um, die du nicht verändern kannst? Wie gut gelingt es dir, deine Hilflosigkeit zu akzeptieren? Menschen sind so unterschiedlich. Nicht alle haben diesen ausgeprägten Drang, alle Probleme lösen zu müssen. Vielleicht fällt es dir leichter, zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst.

Mich würde sehr interessieren, wie du mit Situationen umgehst, wenn du dich hilflos und überfordert fühlst. Was gibt dir Kraft? Was tröstet dich? Ich würde mich sehr freuen, wenn du einen Kommentar hier lässt.

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Nebel, Pfad, Wandern © Free-Photos (pixabay CC-0)

2 Comments

  1. Beatrix Schleimer

    Ich habe so eine Situation seit einem Jahr durchlebt,aber ich bin nicht in die Knie gegangen, weil ich mir selbst vertraue und das was dabei so sehr wehtut anerkenne und meine eigenen Gefühle annehme. Niemand kann alles perfekt haben. Ich stehe zu meinen Empfindungen, lasse mich aber nicht davon aus der Bahn werfen.

    • Anne Poger

      Danke liebe Beatrix, für deine Worte hier. Deine Worte „das, was wehtut anerkennen“, berühren mich sehr. Ja, was ist es, was mir wehtut. Es ist die Liebe. Zu sehen, dass ein Mensch, der mir so wichtig ist, leidet, tut so weh. Wie du es so treffend formulierst: Nicht aus der Bahn werfen lassen. Danke für deine Worte hier!

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