Menu Close

Kannst du niksen?

Ein Mensch schaut in die überwältigende Milchstraße, nichts tun auf eine der schönsten Arten.
Lesezeit: 4 Minuten

Was ist das denn?

Wahrscheinlich denkst du gerade “Niksen? Was soll das denn sein?”. Ist das eine neue Yoga-Position oder eine neue App mit der du einen neuen Job oder den Partner fürs Leben findest?

Nichts tun als Trend

Niksen kommt aus dem Holländischen und bedeutet “nichts tun”. Der Begriff war ähnlich wie in Deutschland ursprünglich negativ belegt. Faulpelze und Nichtsnutze wurden mit diesem Begriff assoziiert. Auch in Deutschland wird nichts tun in der Regel negativ assoziiert. Es gibt schließlich immer etwas zu tun. Wenn jemand nichts tut, dann scheint mit ihm oder ihr etwas nicht zu stimmen.

Der Traum vom Nichts tun

In Zeiten der vollen To Do Listen und der ständigen Erreichbarkeit erscheint Nichts zu tun als Traum, als wunderbarer erstrebenswerter Zustand. Den Zwängen und Anforderungen des Alltags zu entkommen, wirkt unglaublich verlockend. Eine Studie belegt, dass in Deutschland 87 % der Deutschen über Stress klagen. Da scheint es als Wunschtraum, einfach nichts tun zu müssen. Aber kannst du überhaupt nichts tun?

Die Herausforderung

Mit Nichts tun ist wirklich “nichts” gemeint. Also nicht mit dem Smartphone beschäftigen, nicht Fernsehen oder streamen oder lesen. Kannst du da sitzen und aus dem Fenster sehen, in den Himmel schauen und den Vögeln zuhören? Also wirklich nur das machen, dabei nichts anderes parallel machen?

Mir fällt das verdammt schwer. Mein Kopf ist so auf „beschäftigt sein“ getrimmt, dass es sich nach wenigen Minuten verkehrt anfühlt. Das “verkehrt” hat dabei für mich zwei Richtungen:

  • Es gibt so viel zu tun, ich kann hier nicht einfach sitzen. Wo kämen wir hin, wenn alle Menschen sich einfach hinsetzen und nichts machen? Jemand muss doch all die Arbeit tun.
  • Wenn ich hier sitze und nichts tue, verpasse ich etwas. Ich könnte im Internet lesen, was andere Menschen erlebt haben. Ich könnte auch ein Buch lesen. Oder ich könnte sogar etwas Verrücktes machen und selber etwas erleben.

Das Nichts tun aushalten

Nichts zu tun fällt sehr vielen Menschen schwer. Der amerikanische Psychologe Timothy Wilson hat in einer Studie herausgefunden, dass es für die meisten Menschen angenehmer ist irgendetwas – sogar etwas unangenehmes – zu tun, als nichts zu tun. Zwei Drittel der männlichen Studienteilnehmer gaben sich selber lieber leichte Elektroschocks. Und das taten sie sogar, obwohl sie zuvor angegeben hatten, sie würden dafür bezahlen, wenn sie keine Elektroschocks bekämen.

Der Kampf gegen die eigenen Gedanken

Warum fällt es Menschen so schwer nichts tun auszuhalten? Unser Verstand ist darauf ausgelegt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. In Zeiten, in denen mein Kopf nicht beschäftigt ist, sucht er sich selber Beschäftigung. Bei mir zeigt sich das durch eine nicht enden wollende Kette von Gedanken. Oft fangen die Gedanken an mit “hätte ich doch …” oder “ich müsste eigentlich …”. Auch Sorgen oder über Probleme grübeln ist ganz weit oben auf den Lieblingsbeschäftigungen meines Kopfes.

Niksen, brauche ich nicht

Wenn es sich unangenehm anfühlt, warum sollte ich dann niksen? Ich kriege doch auch viel mehr geschafft, wenn ich produktiv bin, statt nichts zu tun.

Wenn du ähnlich denkst, machst du dir – genau wie ich – etwas vor. Du belügst dich selber. Auch wenn ich viel zu tun habe, hole ich mir meine Auszeiten, mit einer vollen To Do Liste sogar noch viel eher. Bei mir ist es das Surfen auf dem Handy mit dem ich Zeit verbringe, während ich eigentlich etwas anderes machen möchte. Es ist sogar sehr wichtig, den Leistungs- oder Funktionier-Modus regelmäßig zu verlassen.

Was habe ich vom Niksen?

Die Gedanken einfach schweifen zu lassen entlastet und entspannt dich. Bewusst nichts zu tun hat eine andere Qualität als eine „gestohlene Viertelstunde“, nach der ich mich mit schlechtem Gewissen an die Arbeit mache. Mein Kopf kann im Leerlauf laufen, dabei fügt er – ohne mein dazutun – Dinge neu zusammen und kommt auf neue Ideen. Inspiration braucht Freiheit und Raum.

Wenn ich meine Gedanken schweifen lasse, werden sie langsamer. Auch wenn ich es nicht bewusst wie eine Meditation angehe, erlebe ich Momente der Verbundenheit. Diese Momente sind für mich sehr wertvoll. Ich fühle mich als Teil von etwas Großem und spüre, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.

Die Erlaubnis geben

Als ich Müßiggang geübt habe (hier geht es zum Artikel) fiel es mir zu Beginn sehr schwer. Nichts zu tun musste ich mir erlauben. Ich war so darauf getaktet, zu leisten und abzuliefern, dass ich es kaum aushalten konnte, (fast) nichts zu tun. Auch heute passiert es mir, dass ich von einem schlechten Gewissen geplagt werde, wenn ich am Wochenende nichts mache, obwohl es so viel zu tun gibt. Ich könnte den Artikel schreiben, im Haushalt etwas machen oder endlich meinen Schreibtisch aufräumen. Weil ich mir vorgenommen habe, etwas davon zu erledigen, kann ich die anders verbrachte Zeit nicht genießen. Ich brauche tatsächlich meine Erlaubnis, um die Zeit zu genießen, in der ich nichts “leiste”.

Dunkelstunde

Es ist noch nicht so lange her, da war es normal zwischendurch nichts zu tun. Meine Oma und meine Großtante hatten eine Zeit am Tag, die nannten sie “Dunkelstunde”. Das war die Zeit, wenn es im Herbst und Winter draußen begann dunkel zu werden. Sie machten nicht sofort Licht an, sondern erlebten die Zeit der Dämmerung bewusst und taten nichts. Sie legten die Hände in den Schoß und schauten aus dem Fenster, wie es dunkel wurde.

Die Gedanken in Bewegung halten

Damit sich beim Laufenlassen der Gedanken keine Negativ-Spirale entwickelt, ist es wichtig, die Gedanken in Bewegung zu halten. Manchmal hängen sich an einen schweren Gedanken weitere schwere Gedanken an. Der innere Kritiker befeuert die Schwere noch und schon hänge ich im Loch. Daher ist es beim Niksen wichtig, dass die Gedanken beweglich bleiben. Beiß‘ dich nicht fest an einem Thema, sondern bleibe sprunghaft und hilft deinen Gedanken auf die Sprünge, wenn sich zu viele Gedanken zu einem Knäuel verknoten. Wenn ich beim Niksen in den Himmel schaue, hänge ich die Gedanken gerne an eine Wolke und sie ziehen weiter.

Hast du den Mut zum Niksen?

Wie sieht es bei dir aus? Traust du dich zu niksen? In der heutigen Zeit ist niksen eine Herausforderung. Von allen Seiten wird um deine Aufmerksamkeit gebuhlt. Die neueste Serie will dich, genauso die sozialen Medien und deine To Do Liste.

Traust du dich dir 15 Minuten Zeit nur für dich und das Nichts tun zu nehmen?

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Milchstraße, Universum, Person © Free Photos (pixabay CC-0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.