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Müßiggang ist aller…

Ein Mann widmet sich in einer Hängematte über dem ruhigem Meer dem Müßiggang und genießt den Sonnenuntergang.
Lesezeit: 4 Minuten

Wie geht der Satz für dich weiter?

Im Juli dieses Jahres hat mein Mann mir Müßiggang verschrieben. Ich habe ihn erst nicht verstanden, was er damit meinte. Müßiggang war für mich etwas schwer Greifbares. Es war etwas zwischen faul sein und süßem Nichtstun. Meine Wahrnehmung war deutlich mehr bei faul sein. Wer nichts tut, der leistet nichts. Skandalös! Und dem sollte ich mich nun widmen? Ich gebe zu, ich war lange Zeit stolz darauf, dass ich ein fleißiger und strebsamer Mensch bin. Frei nach dem Motto „wer rastet, der rostet“. Bloßes Nichtstun hatte bei mir stets den wertenden Beigeschmack, auf der faulen Haut zu liegen. Aber Müßiggang klingt nicht negativ.

Was ist Müßiggang?

Müßiggang hat etwas mit Muße zu tun. Für den Begriff Muße habe ich folgende Bedeutung gefunden: „freie Zeit und (innere) Ruhe, in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“. Kein Wunder, dass ich mit dem Thema Müßiggang meine Schwierigkeiten habe. Innere Ruhe zu finden ist eine meiner lebenslang andauernden Aufgabe (daher auch dieser Blog ;-)).

Müßiggang ist das aktive Hinwenden zur Muße. Es geht dabei nicht um Erholung von Stresssituationen oder um „abgammeln“. Müßiggang ist etwas Aktives. Ich suche die Muße auf. Ich lebe mich frei von Pflichten aus. Es mag Pflichten geben, die nicht abgelegt werden können. Wenn du Kinder hast, ist es wichtig sie zu versorgen. Es geht nicht darum möglichst nichts sinnvolles zu tun oder alle Pflichten abzulegen, sondern die dir selbst auferlegten Pflichten zu hinterfragen.

Pflicht oder Freude

Zu wie viel fühlst du dich verpflichtet, weil es „so zu sein hat“? Die Wohnung muss immer schön geputzt sein und alles an seinem Platz stehen? Im Vorgarten darf kein Unkraut zu sehen sein, egal ob du dafür Zeit hast oder nicht. Was sollen sonst die Nachbarn sagen? Es darf kein Tag vergehen, an dem du nicht etwas Sinnvolles geleistet hast, sonst ist es ein unnützer Tag, sonst bist du unnütz? Ich fühle mich in einer sauberen und aufgeräumten Wohnung wohler. Ich mag es, wenn das Bett gemacht ist. Den inneren Zwang aufzuräumen oder zu putzen, hatte ich aber zum Glück noch nie. Ich kann sehr entspannt auf der Couch oder in der Badewanne liegen, auch wenn Wollmäuse in den Ecken lungern. Was ich aber bisher nicht konnte, das war einen freien Tag vergehen zu lassen, ohne etwas nach meinen Kriterien „sinnvolles“ zu tun. Wenn ich krank zu Hause war und nur zwischen Couch und Bett wechselte, schleppte ich mich zur Waschmaschine oder Spülmaschine, um diese ein- oder auszuräumen. Ich wollte, wenigstens eine sinnvolle Sache am Tag erledigen, damit mein Tag nicht nutzlos war, damit ich nicht nutzlos war. Das Gefühl meines eigenen Wertes hing an meinem sinnvollen Tun.

Der Weg durch den Müßiggang

Auch heute bin ich kein Experte im Müßiggang. Ich habe mich auf den Vorschlag meines Mannes eingelassen. Im Sommer habe ich eine bewusst gewählte Auszeit begonnen. Bevor ich eine Weiterbildung beginnen wollte, stand also Müßiggang auf meinem Programm. Hast du schon einmal versucht aus vollem Lauf zu stoppen und das Stehenbleiben auch noch zu genießen? Das ist nicht einfach. Und mit meinem Set an Glaubenssätzen ist es gleich noch mal so schwer. Geprägt durch Sätze wie „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ und „wer feiern kann, kann auch Arbeiten“ kommt kein Vergnügen, sondern nur schlechtes Gewissen. Die Bedingung, das Arbeiten, fehlte bei mir, damit mir Vergnügen zustand. Mein Weg war daher eine Radikalkur: keine Gartenarbeit, kein Putz- oder Aufräumwahn, keine Marmelade kochen und keine aufwändigen Mittagessen kochen. Einiges davon klingt nicht nach Pflicht. Jedoch sind dies beliebte Methoden von mir, um „die Zeit zu überbrücken“.

Die Zeit überbrücken

Damit meine ich Aktivitäten, die den jetzigen Moment mit Sinn füllen sollen, damit er vergeht. Wenn ich mit Hingabe Marmelade koche, um der Freude willen, dann ist das keine Zeit überbrücken. Wenn ich mit mir nichts anzufangen weiß, wenn ich mich in Aktivität und „sinnvolles Handeln“ fliehe, um zu leisten und meinen Wert spüren zu können, dann nenne ich das „die Zeit überbrücken“. Ich stürze mich in Aktivität, bis ich meinen Wert auch ohne diese Handlung wieder spüre oder bis mir eine andere Handlung vorgaukelt, dass ich wertvoll bin.

Wie wertvoll das Leben ist

Die Erkenntnis und das tiefe innere Gefühl, dass mein Leben wertvoll ist, dass ich wertvoll bin, habe ich erst vor ein paar Wochen nach langer Zeit wieder intensiv spüren können. Vielleicht ist es für dich gar nicht nachvollziehbar, dass ich mich nicht wertvoll fühle:

  • weil du mich vielleicht kennst, und Gespräche oder Zeit mit mir als wertvoll erlebt hast.
  • weil dir vielleicht meine Texte gefallen und du sagst: schau doch, was du Tolles geschaffen hast, wie wertvoll das ist.
  • weil du den Wert deines Gegenübers sehen und spüren kannst.

Wie wertvoll du bist

Aber kannst du auch deinen eigenen Wert spüren? Spürst du, wie wertvoll du bist? Ich meine nicht, wie wertvoll ist, was du leistest. Oder wie wertvoll das ist, was du erschaffen hast. Ich meine deinen Wert, wenn du Müßiggang betreibst, wenn du auf der faulen Haut liegst, wenn du einfach nur da bist. Spürst du deinen inneren Wert? Ich freue mich mit allen, die jetzt aus tiefer Inbrunst sagen, „ja natürlich bin ich wertvoll. Ich bin ein Mensch, ich atme ein und ich atme aus. Ich bin so wertvoll wie das Leben selbst.“ Auch wenn du eine etwas zögerliche und vorsichtige Stimme in dir hattest, die leise gesagt hat „doch, auch ich bin wertvoll“, dann freue ich mich mit dir.

Spüre deinen Wert

Wenn deine innere Stimme stumm geblieben ist oder Zweifel angeklungen sind wie „wertvoll, ich?“, dann möchte ich dir ein Bild geben: Stell dir ein neugeborenes Baby vor. Vielleicht hattest du schon einmal ein neugeborenes oder sehr kleines Baby auf dem Arm. Erinnere dich an diesen Moment und spüre den Gefühlen nach. War dieses Baby in deinem Arm wertvoll? Musste es etwas leisten, um wertvoll zu sein? Oder war es das Wertvollste, was du dir in dem Moment vorstellen konntest, einfach weil es da war?

Dieses Baby in all seiner Hilflosigkeit als wertvoll zu spüren, fällt mir leicht und dir vielleicht auch. Und jetzt mache dir einmal bewusst: du bist dieses Baby. Genauso war es bei deiner Geburt. Und genauso ist es noch heute: du bist wertvoll, nicht weil du leistest oder Gutes tust oder lieb bist oder laut rebellierst und deine Meinung sagst. Du bist wertvoll, weil du bist.

Danke, Müßiggang

Diese wundervolle Tiefe und Klarheit in mir, habe ich erlebt, weil ich mich getraut habe, Müßiggang zu erleben. Ich habe mich im Sommer eingelassen auf echtes Nichtstun. Der Jahrhundertsommer 2019 hat mir sehr geholfen. Ich habe im Garten in der Sonne gesessen, Schmetterlinge, Käfer und Blüten fotografiert und wunderschöne Bücher gelesen. Besonders beeindruckt hat mich das Buch „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky. Dieses Buch hat meine Seele berührt und begleitet mich auf meiner Suche nach dem Sinn des Lebens. Seit diesem Sommer lautet für mich der Eingangssatz dieses Artikels so: „Müßiggang ist aller Inspiration Anfang.“

Wie stehst du zum Thema Müßiggang? Fällt es dir leicht oder auch eher schwer, Aufgaben und Pflichten liegenzulassen, und dich der Muße zu widmen?

 

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Bildnachweis für diesen Beitrag: Sonnenuntergang, Hängematte, Entspannung © ZPhotoo (pixabay CC-0)

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