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Steig aus dem “Ich muss“-Zug aus

Ein Mann steht vor einem Zug, der im Hintergrund an ihm vorbei fährt.
Lesezeit: 4 Minuten

Ich muss…

Ich muss noch schnell den Artikel für morgen zu Ende schreiben.
Ich muss wirklich endlich diesen unangenehmen Anruf führen.
Ich muss den Kuchen backen, den ich versprochen habe.
Ich muss …

Sätze mit “ich muss” könnte ich in beliebiger Zahl formulieren und ich habe viele davon in dieser oder ähnlicher Form schon gesagt. Die Worte “ich muss” sind schnell daher gesagt. In ihnen steckt jedoch eine Form von Gewalt gegen mich selber.

Worte als Gewalt

Wie können Worte Gewalt gegen mich selber sein? Die erste Bedeutung des Wortes Gewalt, die ich bei Google gefunden habe ist “Macht und Befugnis, Recht und die Mittel, über jemanden, etwas zu bestimmen, zu herrschen.” Was passiert mit Menschen, die z. B. von einem totalitärem Staat eingeschränkt werden, das zu tun, was sie möchten? Über sie wird bestimmt, sie können sich nicht frei entscheiden. Wenn du das Wort “musst” verwendest, übst du eine ebensolche Macht aus. Du übst durch Sprache Druck und Zwang aus.

Gewaltfreie Kommunikation

Vielleicht kennst du den Begriff oder sogar einige Inhalte der Idee von einer Gewaltfreien Kommunikation. Marshall B. Rosenberg, ein amerikanischer Psychologe, hat diese Form der Kommunikation entwickelt. Er bezeichnet die Sprache, die wir als „normal“ ansehen als “Wolfssprache”. Diese Sprache ist geprägt von Be- und Verurteilung, Kritik und Lob. Auch Komplimente und Lob sind gewalthafte Sprache ebenso wie Kritik, weil sie von Personen ausgesprochen werden, die behaupten zu wissen, was und wie die andere Person ist. Sie glauben zu wissen, was richtig und was gut für die andere Person ist.

Giraffensprache

Im Gegensatz dazu steht die Giraffensprache. Rosenberg wählte die Giraffe, weil sie das Landlebewesen mit dem größten Herz ist. Die Giraffensprache basiert auf den Bedürfnissen, die jeder Handlung und jeder Aussage zu Grunde liegen. Meine Emotion, zeigt mir den Weg zu meinen Bedürfnissen. Wenn ich mich z. B. darüber ärgere, dass jemand Müll im Einkaufswagen gelassen hat, ist mein Bedürfnis nach Respekt dem nächstem Benutzer des Einkaufswagen gegenüber nicht erfüllt. Wenn dich das Thema Gewaltfreie Kommunikation interessiert, kannst du hier z. B. spannende Vorträge von Marshall B. Rosenberg ansehen.

Wie spreche ich mit mir selber?

Es ist nicht notwendig, die Gewaltfreie Kommunikation zu lernen, um sich selber gegenüber liebevoller zu sprechen. Den inneren Kritiker zu entlarven, ihn sprechen zu hören und Stopp zu sagen, ist ein sehr wichtiger Schritt, mit sich selber gütig und liebevoll umzugehen. Der Weg, der mich heute beschäftigt, ist das Wort “ich muss” für dich abzuschaffen. Du musst überhaupt nichts!

Aber manches muss man doch wirklich… Oder nicht?

Vielleicht fragst du dich im Inneren gerade, wie ich das meine. Es gibt doch Dinge im Leben, die du tun musst. Da gibt es einfach keine Alternative. Auch in dem Vortrag von Marshall B. Rosenberg, die ich bei youtube gesehen habe, erzählt er von einer Frage dieser Art, die ihm gestellt wurde.

Eine Frau in einem seiner Vorträge meldete sich zum Thema “ich muss” zu Wort. Sie beharrte darauf, dass es Dinge gibt, die sie tun muss. Als Beispiel nannte sie, dass sie für ihre Familie kochen müsse. Sie täte dies nun seit mehr als 15 Jahren, aber es macht ihr überhaupt keinen Spaß. Rosenberg überzeugte sie, dass sie dies nicht tun müsse und sie ging überzeugt und motiviert nach Hause. Am nächsten Tag traf Rosenberg zufällig einen der Söhne dieser Frau und der Sohn erzählte von der Ansage der Mutter am vorherigen Abend, dass sie von nun an nicht mehr kochen würde. Auf die Rückfrage, wie seine Reaktion gewesen sei, antwortete der Sohn: “Ich bin wirklich erleichtert. Jetzt hört sie endlich auf, jeden Abend darüber zu jammern und zu meckern, dass sie für uns kochen muss.”

Was macht das Wort “ich muss” mit mir?

Wenn ich mir selber gegenüber nun das Wort “muss” oder auch “sollte” verwende, übe ich mir selber gegenüber eine Form von Gewalt aus. Ich verhalte mich so, als ob ich keine Alternative hätte. Durch die Wortwahl lege ich mir selber einen Zwang auf, der im Inneren etwas mit mir macht. Mit dem Wort “muss“ gebe ich meine Verantwortung ab. Ich verneine meine Wahlmöglichkeit und stelle die Situation als alternativlos dar. Damit mache ich mich zum Opfer. Durch einen Zwang etwas zu tun, begrenze ich auch meine Freude daran. Mir selber kommt es oft wie ein großer Berg vor, wenn ich vor etwas stehe, dass ich mich zwinge zu tun.

Die Erkenntnis: ich muss überhaupt nichts

Alles, was ich meine zu müssen, will ich tun. Ich muss es nicht, ich möchte es. Oder ich will es nicht und entscheide, es nicht zu tun.

Ein Beispiel:
Ich muss den Kuchen noch backen, den ich versprochen habe. Niemand zwingt mich, diesen Kuchen zu backen. Ich habe verschiedene Optionen:

  1. ich könnte anrufen und fragen, wie wichtig es ist, dass ich einen Kuchen mitbringe
  2. ich könnte einen Kuchen kaufen
  3. ich könnte jemand anderen bitten, einen Kuchen mitzubringen.

Mein Wunsch, den Kuchen zu backen, basiert vielleicht darauf, dass ich es versprochen habe und es mir wichtig ist, verlässlich zu sein. Vielleicht möchte ich den- oder diejenige auch nicht hängen lassen, da er/sie mich auch oft unterstützt hat. Mein Bedürfnis wäre demnach, einen anderen Menschen zu unterstützen. Oder wir möchten gemeinsam jemandem eine Freude mit einem selbst gebackenen Kuchen machen. Mit einem “ich muss”-Satz nehme ich mir nun einen Teil der Freude, weil ich es zu einem Zwang mache.

Und was ist mit den unausweichlichen Dingen?

Ich höre dich sagen, so einfach ist das nun nicht. “Ich muss schließlich arbeiten, um Geld zu verdienen.” Ich habe gute Nachrichten für dich: du lebst in Deutschland und wenn du nicht arbeiten gehst, wirst du nicht verhungern. Du wirst vielleicht kein einfaches Leben haben, du wirst auf vieles verzichten, dass du für normal hältst. Aber verhungern wirst du nicht. Und wenn du krank bist, kannst du zum Arzt gehen. Arbeiten zu gehen ist eine Entscheidung! Die Entscheidung, nicht arbeiten zu gehen, hätte Konsequenzen, die du vermeiden möchtest. Daher entscheidest du dich freiwillig arbeiten zu gehen.

Du entscheidest dich sogar freiwillig zur Toilette zu gehen. Es ist in unserer Zivilisation üblich, diese körperliche Funktion in einem separaten Raum mit Sicherstellung der Intimsphäre zu erledigen. Niemand zwingt dich dies zu tun. Du könntest es “laufen” lassen. Nicht zur Toilette zu gehen hätte Konsequenzen für den Kontakt und Umgang mit anderen Menschen, aber müssen musst du nicht. Auch das tust du freiwillig.

Aus der Wahlmöglichkeit entsteht Kraft

Wenn du Worte wie “muss”, “sollte” usw. verwendest, tust du dir verbal Gewalt an. Du übernimmst keine Verantwortung für dich und dein Handeln. Diese Art der Sprache ist gefährlich, denn sie verneint jegliche Wahlmöglichkeit. Du machst dich zum Opfer und nimmst dir Freude und Kraft.

Mach dir bewusst: du hast immer die Wahl! Du entscheidest dich freiwillig, weil du etwas tun möchtest. In dieser Veränderung der Blickrichtung auf dein Handeln steckt unglaubliche Kraft. Den Kuchen in dem Bewusstsein zu backen, weil du jemanden unterstützt, öffnet dein Herz für die Freude. Arbeiten zu gehen, weil du dich dafür entscheidest – wenn nötig, jeden Tag neu – gibt dir die Macht zurück. Du bist kein Opfer, sondern Täter. Du handelst für dich, für die Erfüllung deiner Bedürfnisse.

Ich wünsche dir viel Freude und das Entdecken der Kraft im Umdenken von “ich muss” zu “ich will”!

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Schwarz Und Weiß, Mann, Person © Pexels (pixabay CC-0)

 

2 Comments

  1. Pingback:Warten - Mut zur Stille

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