Selbstfürsorge
In unserer Gesellschaft, die sehr stark durch Leistung geprägt ist, ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen gut für sich selber sorgen. Doch es verändert sich viel. Themen wie Achtsamkeit und Burnout Prävention verändern das Tabu, dass es als egoistisch bezeichnet wird, sich um sich selber zu kümmern. Selbstfürsorge wird mehr und mehr akzeptiert und gelebt
Spaßgesellschaft
Es ist gut und wichtig, dass immer mehr Menschen anfangen den Blick auf sich zu richten. Sie sind das Vorbild für andere, die sich das noch nicht trauen. Gleichzeitig passiert oft ein Irrtum: Wenn ich das tue, was mir guttut, muss mir das nicht immer Spaß machen.
Das klingt auf den ersten Blick unlogisch. Aber mit anderen Worten heißt das: Bleibt Selbstfürsorge bei dem stehen, was mir Spaß macht, bleibe ich Teil der “Spaßgesellschaft”. Ich gebe mich mit der Oberflächlichkeit des Spaßes zufrieden.
Du brauchst Tiefe
Was mir wirklich guttut, hat aber immer Tiefe. Kein Leben kann immer nur aus Spaß und Leichtigkeit bestehen. So wie der Tag die Nacht braucht, braucht die Freude den Kummer, das Lachen braucht das Weinen, das Glück braucht die Traurigkeit. Ohne ihren Gegenpol verlieren die Gefühle ihre Kraft. So wie das Pendel einer Standuhr in beide Richtungen ausschlagen muss, gilt das auch für unsere Gefühle. Wenn du nur die vermeintlich schönen Gefühle zulässt oder fühlst, dann wird ihre Intensität immer flacher.
Der Trugschluss, was guttut
Wenn du nun nur noch das tust, was dir Spaß macht, wird das nicht dazu führen, dass es dir automatisch gut geht. Denn was dir im Inneren guttut und dich erfüllt, braucht Tiefe. “Mach was dir guttut” heißt also nicht “mach, was dir Spaß macht”. Oder zumindest nicht nur.
Hätte ich im Lotto gewonnen und könnte jeden Tag machen, was mir Spaß macht, wäre ich bald sehr unglücklich. Mein Leben bestünde aus Serien schauen, leckerem Essen, sozialen Medien und Sauna. Auch wenn das nach dem perfekten Wochenende oder Urlaub klingt, wäre ein Leben nur damit ein leeres Leben.
Dein kreatives Potenzial
In mir – und in jedem Menschen – ist ein kreatives Potenzial angelegt, das gelebt werden möchte. Wenn ich mein Leben auf der Couch, am Esstisch und in der Sauna verbringe, kann meine Kreativität sich nicht entfalten. All das, was in mir ist, wird nicht gelebt. Ich konsumiere. Statt das, was in mir ist, nach Außen zu bringen, ‘befülle’ ich mich immer mehr.
Wir sind als gebende Wesen in dieses Leben gekommen. ‘Befüllen’ wir uns stattdessen, wird es zu einem Stau, einer Blockade kommen. Und das, was mir Spaß macht, tut mir auf einmal gar nicht mehr gut.
Der Weg aus dem Dilemma
Dein Weg aus diesem Dilemma ist eine Frage der Balance. Natürlich ist nichts Verkehrtes daran, Erlebnisse zu haben und zu forcieren, die dir Spaß machen. Aber du brauchst eben auch Tiefe.
In was kannst du dich ganz versenken?
Womit lebst du deine Kreativität aus?
Was berührt dein Herz?
Was trägst du Gutes in die Welt?
Ein erfülltes Leben
Erst, wenn du das, was in dir ist, nach Außen bringst, kannst du ein erfülltes Leben führen. Du selber erfüllst dein Leben mit dem, was du tust!
Also tue das, was dir guttut. Und manchmal macht das für den Moment keinen Spaß, weil du ein Versprechen jemandem gegenüber einhältst, für jemanden da bist oder Sonntagabend um 23:00 Uhr deinen Blogartikel schreibst, obwohl du lieber auf der Couch liegen würdest.
Und doch weißt du: Genau das tut mir gut und genau das erfüllt mein Leben.
Bildnachweis für diesen Beitrag: Harmonie, Entspannen, Stein © Devanath (pixabay CC-0)
Hallo Anne, Die Wörter Selbstbestimmung und Selbstfürsorge ist heutzutage in aller Munde.
Ich frage mich langsam aber sicher, ob diese zwei Begriffe nicht öfters mit Egozentrik oder Egoismus verwechselt werden. Bin seit einiger Zeit in einer Gruppe die sich mit innerem, spirituellem Wachstum auseinandersetzt und fühle mich des Öfteren fremd in dieser Gruppe .
Zum Beispiel steht hier Selbstfürsorge für sich gut und gesund zu ernähren, Sport und Bewegung, Freizetbeschäftigungen die Spaß machen , Dramen und toxische Menschen zu meiden und täglich zu lächeln. Falls kein Gegenüber da ist, reicht auch der Spiegel. Neues ausprobieren, Meditation, Relaxation oder Reisen nach Kerala oder Goa sollen für innere positive Entwicklung sorgen. Ich bin es wert!
Nun zu meiner Frage: Wenn ich nur noch um mich selbst Kreise, alle Dramen wie Krieg, Hunger, Umwelt und « toxische » Menschen (komischer Begriff) aus dem Leben entsorge ist das nicht eher Egoismus gepaart mit Vogel-Strauß-Politik.Wenn ich dann noch Sätze höre wie jedermann ist seines Glückes Schmied oder man hat immer die Wahl macht mich das sprachlos!
Menschen die in Krieg, Armut und Hungersnot leben, haben sie wirklich die Wahl?
Menschen die kein Dach überm Kopf haben, Flüchtlinge, oder Opfer von Naturkatastrophen haben sie einen solchen Weg gewählt? Ich glaube in diesen Situationen geht es nur noch um’s überleben! Bei vollem Bewusstsein dass keine Einzelperson die Welt retten kann, find ich solche Glaubenssätze völlig wertend so in etwa , jetzt sind diese Menschen auch noch schuldig an ihrer Misere.
Wie denken sie über diese Tendenz? Ich werde mir etwas suchen was für mich Sinn macht, diese Gruppe ist für mich nicht sehr wachstumsfördernd. Danke für Ihr Feedback. L.G Doris
Liebe Doris,
vielen Dank für deine Worte. Diese haben mich nachdenklich gemacht. In vielem erkenne ich meine eigene Sicht. Oft beginnt die eigene Reise damit, zu sich zurückzufinden, wieder in Kontakt mit sich selber zu kommen. Bleibe ich dort jedoch stehen, drehe ich mich tatsächlich nur noch um mich selber. Ohne den Blick nach Außen, ohne Kontakt zu anderen Menschen, lebe ich nicht das, was Mensch-sein ausmacht. Wir sind zutiefst soziale Wesen. Dafür brauchen wir die Interaktion miteinander. Und dafür ist es nötig hinzuschauen, auch wenn es für mich unangenehm ist. Wenn wir nur noch wegschauen – du drückst es sehr passend als „Vogel-Strauß-Politik“ aus – dann verschließen wir uns der Empathie. Doch das macht uns als Menschen aus. Die Frage ist immer: Was kann ich geben? Wie kann ich etwas in die Welt bringen? Und in dem Moment, in dem ich in die gebende Richtung wechsle, ist ein Kopf-in-den-Sand und alles dreht sich um mich, nicht mehr möglich. Mit „jetzt muss es erst mal nur um mich gehen“ kann man vielleicht zu wenig Schlaf nachholen. Aber ein erfülltes Leben findet man dort nicht.
Danke für deine Worte.
Anne
Hallo Anne, ich finde diesen Artikel wichtig. Die Frage: Wie balancieren ich mein Leben aus treibt mich auch gerade um. Leistung kann ein gutes Gefühl von ‚Erfolg‘ geben, das Selbstbewusstsein stärken. Gäbe es da nicht die Zeiten (wie gerade meine ganze Familie erfährt) in denen man völlig platt ist. Alle bei uns schlafen schlecht, gefühlt arbeitet der Körper unterschwellig fünf Infektionen gleichzeitig durch, das helle Sommertageslicht fehlt, alle sind seit vielen Tagen leicht depressiv und erschöpft. Dann kann man nicht leisten, der Erfolg bleibt aus und zur depressiven Stimmung gesellt sich das Schuldbewusstsein, denn Leistung ist ja, wie im Artikel beschrieben, ein erstrebenswertes Ziel in unserer Gesellschaft.
Gut, nun ist es Zeit, etwas für sich zu tun, sich zu verzeihen, wenn man nicht ‚funktionieren‘ kann, wie gewünscht. Was ist es, was mir nun ‚gut-tut‘? Tat es mir zuvor gut, etwas zu leisten, ist jetzt etwas anderes angesagt. Aber was? Wieweit darf ich der Disziplin den Rücken kehren? Darf es mein einziges Ziel sein, so schnell wie möglich wieder ‚leistungsfähig‘ zu werden oder sollte ich auch andere Werte in mein Leben integrieren? Und welche sind das? Spass scheint ja ein schlechter Kompass zu sein, für das, was mir ‚wirklich‘ gut tut. Die Stimmen der anderen (die erfahrungsgemäß zur Disziplin und Leistung auffordern), sind es gewiss auch nicht. Wo finde ich Balance-Vorbilder?
Liebe Marie,
danke für deinen Kommentar. Deine Worte kann ich so gut nachfühlen. Die innere Stimme, die zur Leistung antreibt, ist auch bei mir sehr stark ausgeprägt. Auch wenn ich geschrieben habe, Spaß ist nicht der Weg dahin, was dir gut tut, ist Leichtigkeit – die du im Spaß spüren kannst – oft ein erster Schritt in die richtige Richtung. Gerade wenn wir verlernt haben, uns abseits vom Leisten wahrzunehmen, ist die Erlaubnis, Spaß zu haben, sehr wichtig.
Für mich springt „Spaß“ jedoch zu kurz.
– Was macht dir wirklich Freude?
– Wobei fühlst du dich leicht und frei?
– Was hast du früher als Kind gerne gemacht und darüber die Zeit vergessen?
Das können erste Fragen sein, die dich auf deinem Weg zu mehr Freude und Leichtigkeit begleiten können. Für mich trifft das Wort „Freude“ besser dieses Gefühl, nach dem ich mich sehne. Spaß bleibt für mich oberflächlich und überdeckt eine Leere, die gefüllt werden möchte. Mit Shoppen, Sauna oder Serien schauen fülle ich diese Leere für mich jedoch nicht. Malen, musizieren oder tanzen können richtig Spaß machen, berühren aber auch mein Herz und erfüllen mich mit Freude. Halte dich bitte nicht zu sehr an den für mich passenden Wörtern fest. Wonach sehnst du dich? Wobei spürst du deine Lebendigkeit?
Vielen Dank für den Austausch!
Liebe Grüße
Anne
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