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Warum es nicht darum geht, eine bessere Version von dir selbst zu werden

Ein Mensch steht unter einem Bogen aus Stein und über ihm wölbt sich ein Sternenhimmel im letzten Abendlicht.
Lesezeit: 3 Minuten

Selbstoptimierungs-Wahn

“Selbstbewusster werden – der 7 Schritte Plan.”
“Werden Sie produktiver in nur 10 Wochen.”
“Nie mehr aufschieben – wie Sie Prokrastination stoppen.”
“Wie Sie ganz einfach noch besser, schneller, cleverer, mitfühlender, durchsetzungsstärker werden oder was auch immer.”

Versprechen dieser Art sprechen mich an. Mein Selbstbewusstsein könnte wirklich aufpoliert werden. Ich zweifle oft an mir und an meinen Fähigkeiten. Und produktiver könnte ich auch sein. Wenn ich nicht mehr prokrastinieren würde (das schickere Wort für „nicht aus dem Quark kommen”), dann müsste ich nicht Sonntagabend um 22:05 Uhr den Artikel für Montag 8:00h Uhr schreiben. (Vielleicht sollte ich selber mal wieder meinen Artikel zum Thema “Der Innere Schweinehund” lesen).

Ausreichend Veränderungs-Potential

Ich sehe viele Bereiche, in denen ich besser sein könnte, mich verändern sollte, mich mal wirklich zusammenreißen müsste. Ich vermute, dir geht es ähnlich: Baustellen gibt es reichlich. So viele Themen, bei denen du besser werden könntest. Vielleicht siehst du einiges, das endlich mal besser werden sollte.

Warum ist das so?

Frei nach dem Motto “höher, weiter, schneller” ist unsere Erziehung in Familien und Schulen auf Leistung ausgelegt. In der Schule werden Kinder an ihren Ergebnissen gemessen, miteinander verglichen und am Ende des Schuljahres bewertet. Viele Arbeitgeber bewerten ihre Arbeitnehmer ebenfalls einmal im Jahr und knüpfen zusätzliche Zahlungen an das Erreichen von bestimmten Zielen.

Da geht noch was

Im privaten Bereich habe ich es ebenso fortgeführt. Ich habe selber schon zwei verschiedene Wege ausprobiert:

  1. Der “Müsste-sollte-Weg”
    Diesen Weg erkennst du an Sätzen oder Gedanken wie “ich müsste mal 5 kg abnehmen”, “ich sollte wirklich mehr Sport machen”, “ich sollte mal an meinem Selbstbewusstsein arbeiten”, “ich müsste wirklich nach zwei Folgen meiner Serie bei Netflix aufhören, statt acht Folgen zu schauen”. Die Selbstoptimierung orientiert sich an einem inneren Bild, das es anzustreben gilt. Es werden aber keine oder kaum Schritte eingeleitet.
  2. Der “Wann-fängt-das-nächste-Seminar-an-Weg”
    Bei diesem Weg ist das Optimieren der eigenen Persönlichkeit zum Selbstzweck geworden. Es geht nicht um konkrete Aspekte, die im Alltag schmerzen und bei aktiver Auseinandersetzung und Bearbeitung zu mehr Glück und Lebensfreude führen. Das Ziel ist, im Dauerfeuer sich selbst zu optimieren. Mehr Selbstbewusstsein – Check. Die Vision meines Lebens – Check. Ethisch korrekte Ernährung – Check. Quality Time mit der Familie – Check. Und so weiter.

 

Selbstvorwürfe und Optimierungsdrang

Auf dem “Müsste-sollte-Weg” habe ich es mir selber sehr schwer gemacht. Das schlechte Gewissen, etwas trotz Ermahnungen des Über-Ichs nicht zu tun, wiegt schwer. Tief im Innern weiß ich ja, dass es in meinem Leben noch so viele optimierungsbedürftige Aspekte gibt. Also hat diese Stimme recht. Wenn ich nur nicht so schwach, so wenig willensstark wäre…

Bullshit! Der “Müsste-sollte-Weg” führt außer in Selbstvorwürfe, schlechtes Gewissen und Unzufriedenheit nirgendwo hin. Der einzige, der ihn gerne geht, ist der Innere Kritiker.

Auch der “Wann-fängt-das-nächste-Seminar-an-Weg” ist ein trügerischer Weg. Ja, ich komme ins Tun. Daran ist nichts Verkehrtes. Was aber bleibt, ist das Mangelgefühl, aus dem heraus ich diesen Weg gehe. Ich bin nicht okay, so wie ich bin. Daher gilt es mich immer weiter zu optimieren.

Warum der Gedanke an Selbstoptimierung dich bremst

Es gibt drei wichtige Gründe, warum Selbstoptimierung nicht der Weg ist:

  1. Dein Blickwinkel
    Mit Gedanken, dass du besser sein solltest, schaust auf den Mangel statt auf die Fülle. Du begegnest dir mir Kritik statt Wohlwollen, Güte und Wertschätzung. Du schaust stets kritisch und unzufrieden auf dich selber.
  2. Es reicht nie
    Wenn du erst in 7 Schritten produktiver geworden bist, dann nimmst dir die nächste (vermeintliche) Schwäche aus deinem wahrgenommenen umfangreichen Portfolio an Schwächen heraus, die es auszumerzen gilt. Oder es kommt der nächste Trend, die nächste Werbung, die dir aufzeigt, wo du noch besser werden kannst. Der Wunsch zu optimieren bleibt, so lange du dich selbst als mangelhaft, nicht gut genug wahrnimmst.
  3. Vergleiche machen unzufrieden
    Wenn du dich daran orientierst, wie selbstbewusst, sportlich oder produktiv andere sind, ignorierst du dich und deine Voraussetzungen. Wenn ein Affe schwimmen lernen wollte und sich am Fisch orientierte, dann würde er verzweifeln und sich selbst geißeln wegen seiner Unfähigkeit.

Denke neu

Der Fehler liegt im Ansatz: du bist richtig, genau so wie du bist! So wie du bist, bist du gewollt. So und nicht anders. Was willst du an dir optimieren?

Wenn Selbstoptimierung nicht der Weg ist, was ist es dann?

Der Weg zu deiner Wahrheit

Es geht nicht darum, dass du die beste Version von dir selbst wirst. Das kann vielleicht passieren, aber das ist nicht das Ziel. Es geht im Leben darum, dass du deine Wahrheit lebst.

Es ist wichtig, ins Tun zu kommen. Auf der Couch findest du deine Wahrheit nicht. Aber geh den Weg aus der Sehnsucht deines Herzens heraus – die Sehnsucht, die dir den Weg weist.

  • Welche Themen bereiten dir immer wieder Schmerzen?
  • Wo wünscht du dir mehr Leichtigkeit, mehr liebevolle Annahme?

Schaue auf dies einmal ohne Leistungsanspruch, ohne Mangeldenken an. Sieh es als Wachstumsimpuls, den das Leben dir schickt.

Den Weg in Richtung Wertschätzung und Integration deiner Themen zu gehen, hilft dir, deiner Wahrheit näherzukommen. Es hilft dir auf dem Weg in ein erfüllendes Leben. Ein erfüllendes Leben hat den Blick auf die Fülle gerichtet, anders als die Selbstoptimierung, die den Mangel ausmerzen will.

Es geht im Leben darum, ein wahres, ein erfülltes Leben zu führen – kein perfektes Leben.

 

Wie siehst du das Thema Selbstoptimierung?
An welchen Stellen hast du dich schon auf deinen Weg zu einem wahren, erfüllten Leben gemacht?

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Zarte Bogen, Sonnenuntergang, Stein © skeeze (pixabay CC-0)

 

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